Ein Traum: Ein Leben mit ungeprobtem Gesicht

Zwei Beobachtungen zum 12.-Klass-Spiel Bandscheibenvorfall – Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden von Ingrid Lausund

Eine Bühne voller Büroangestellter. Jede und jeder hat einen Termin beim Chef. Dort wird man degradiert oder dekoriert, mehrere Köpfe kleiner gemacht oder richtig ein- und aufgestellt. Vielleicht aber auch einfach rücklings erdolcht, ohne dass man Schmerz zeigt oder gar stirbt, denn mit einem Lächeln auf den Lippen muss es weiter gehen – im Interesse der Firma, der Karriere und der finanziellen Sicherheit.

Bei den Vorbereitungen auf den großen Moment besprechen zwei Angestellte vor dem Spiegel ihre Taktik, sprechen Dinge aus, die manch einem nicht einmal zu denken in den Sinn kommen. Kontrollierst Du im Spiegel, wie Du isst? Ich gucke mir bei anderen deren Ticks ab, manchmal stehen die mir aber besser! Unbeholfene Nähe entsteht durch die Offenheit, um gleich darauf wieder im Krampf zu erstarren.

Eine andere Angestellte mimt im kollegialen Gespräch über das neueste Rationalisierungs-Konzept die „Ich-bin-die-schick-freundlich-souveräne-ihr-könnt-mir-gar-nichts-Business-Frau“, blökt aber gleichzeitig ihre nackten, wahren, primitiven Gedanken ins Publikum (zur peinlich-verschreckten Erheiterung desselben). Irgendwann beginnen die Gedanken der Angestellten sich selbständig zu machen und sich miteinander zu unterhalten, sich fertig zu machen. Die Atmosphäre in der Firma ist vergiftet, alle haben Angst.

Doch irgendwann ist Schluss! Zu viel ist zu viel! Mit mir nicht! Zwei junge Mitarbeiterinnen sehen endlich ein, dass sie sich das nicht weiter bieten lassen müssen. Das Publikum leidet mit, wenn sie sich in Rage reden. Sie wüssten schließlich, wie sehr die Firma sie brauche, sie bitter vermissen werde, aber nun sei es zu spät. Bald seien sie weg. Gaaanz weit weg! Die Revolution im Zimmer des Chefs steht kurz bevor.

Der Chef wird auf brutalste Weise mit dem schwer verminten Subtext im Satz Ich arbeite gerne hier! konfrontiert. Das hat gesessen! Er muss sogar für ein paar Sekunden ein echtes Kaugummi an seiner Türzarge erleiden, bevor es hastig wieder entfernt wird. Ob er zitternd in seinem Ledersessel kauert?

Die Angestellten wissen im Grunde nichts von Dem-da-oben, der drohenden Instanz – die Fremdheit bleibt. Als Trost bleibt die Phantasie von einem Leben mit ungeprobtem Gesicht.

Die Zwölftklässler haben unter der Leitung ihres Regisseurs Fridjof Vareschi in einer bewundernswerten schauspielerischen Leistung Komik und Drama, Absurditäten und erschütternde Wahrheiten „erwachsenen” (Berufs-) Alltags dargestellt. Wer etwas daraus wiedererkannt hat, wird diesen Abend so schnell nicht vergessen.

Ganz kurzfristig wurde ich gefragt, den SchülerInnen beim Klassenspiel der 12. Klasse mit der Maske zu helfen. Seit fast einem Jahr hatte ich sie nicht mehr unterrichtet und ich war sehr gespannt, was mich erwarten würde.

Einen Tag vor der Premiere begegnete ich den jungen Erwachsenen und war gebannt von der Präsenz jeder einzelnen Rolle, die klar und souverän bereits hinter den Kulissen und jenseits der Aufführung lebte. Dieselben SchülerInnen, die ich noch aus der Schule kannte, waren nicht mehr ganz dieselben. Ich traf junge Männer und Frauen, die sich selbst in ihrem Tun reflektierten, die ein anspruchsvolles Theaterstück auf die Bühne brachten, welches Strukturen des Erwachsenenlebens kritisch hinterfragte. Mit aufrichtiger Arbeit haben sie es geschafft, all ihre Kraft und Fähigkeiten auf die Bühne zu stellen und sich im Zusammenspiel selbst zu übertreffen.

Einmal mehr habe ich verstanden, warum das Klassenspiel in der 12. Klasse ein so großes Geschenk ist. Ich erlebte es so, als ob alles, was die jungen Menschen in ihrer Schulzeit erfahren haben, über diese Herausforderungen seinen letzten Schliff bekommt. Dieses Funkeln und Strahlen eines jeden einzelnen ist bei mir angekommen.

Am meisten freue ich mich für die SchülerInnen, die mit dieser gelungenen Arbeit einen schönen Abschluss ihrer Schulzeit an der Annie-Heuser-Schule feiern können. Vielen Dank allen, die das möglich gemacht haben.

Geschrieben von: J.-H. D. (Lehrer) / U.M. (Lehrerin)

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