Achtklassspiel 2016: „Der Chronist der Winde“

Ein Theaterstück nach Henning Mankell

Achtklassspiel der Annie Heuser Schule März 2016

Regie: Jacek Klinke

Was haben Straßenkinder in einem fiktiven, vom Bürgerkrieg erschütterten Schwellenland gemeinsam mit unseren 14-jährigen, behüteten Waldorfkindern in Europa? Was hat sie bewogen, diesen kontroversen Stoff zu wählen, in dem Familien und Dörfer zerstört, Frauen vergewaltigt und Kinder getötet werden? Warum wollen sie sich freiwillig diesen Gräueln aussetzen? Mit diesen Fragen machte ich mich auf den Weg zur Aufführung des Stückes.

Die Kinder hatten 3 Wochen intensiv mit dem Regisseur gearbeitet. Es waren lange und anstrengende Tage, sie kamen oft spät nach Hause – um dann doch noch etwas an der Musik, an ihrem Text, für die Requisite zu tun. Viel geschlafen haben sie nicht, aber sie waren begeistert und unermüdlich, auch als am Wochenende noch geprobt werden musste. Die Klasse ist zusammengewachsen in diesen Wochen.

Der Raum in der Christengemeinde in der Schwedter Straße am Prenzlauer Berg ist schlicht, hell und freundlich. Es herrscht die typische, energiegeladene Atmosphäre vor der Aufführung. Die Kleinen fragen alle 5 Minuten: Wann geht es los…?

Dann geht das Licht aus und wir hören eine getragene, von Streichern gespielte Melodie von hinter der Bühne. Die Musik verstummt und jetzt sehen wir den Chronisten, der uns durch die Handlung führen wird, am Bühnenrand sitzen, nur von einem Spot angeleuchtet. Er erzählt die Geschichte einer Gruppe von Kindern und die Lebensgeschichte des Jungen Nelio, der alleine unterwegs ist, nachdem er seine Familie verliert, um schließlich bei den Straßenkindern in der Stadt unterzukommen. Sie sind ein zusammengewürfelter Haufen, jedes von ihnen hat eine tragische Geschichte hinter sich, und sie betteln und stehlen, um zu überleben. Nelio wird mehr zufällig zu ihrem Anführer, aber er wächst in die Aufgabe hinein. Er lehrt die Kinder, dass es gut ist, Träume zu haben. Als einer von ihnen im Sterben liegt, brechen die Kinder im nahegelegenen Theater ein und inszenieren für ihn seinen Traum: eine Reise zu einer magischen Insel, wo er hofft, seine Mutter wiederzusehen. Sie werden von den Nachtwächtern ertappt, die sie für Diebe halten, und Nelio wird angeschossen. Am Ende des Stücks stirbt auch er, in den Armen des Chronisten, der uns von ihm erzählt.

Es ist für Eltern immer ein vielschichtiges Erlebnis, die eigenen Kinder auf der Bühne zu sehen. Wir erkennen sie, und dann sind sie uns wieder sehr fremd. Die jungen Darsteller haben unglaubliche Präsenz, und sie strahlen eine Wahrhaftigkeit aus, die erwachsenen Schauspielern so oft abhanden kommt.

Wo sie in sich die emotionale Tiefe gefunden haben, diese Straßenkinder so lebendig werden zu lassen, bleibt zwischen den Kindern und dem Regisseur.

Aber mir ist klar geworden, dass sie die kreative Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben, suchen. Der Kokon der Achtsamkeit umgibt sie, aber sie sehen auch Menschen aus den Kriegsgebieten zu uns kommen, sie hören und lesen davon, was die Kinder in den zahlreichen Willkommensklassen der Berliner Schulen erleben mussten, obwohl sie eigentlich noch viel zu jung dafür sind.

Es ist wichtig, solche Geschichten zu erzählen. Und darum sind unsere Achtklässler auch Chronisten der Winde.

Autorin: Mutter der achten Klasse

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